Erinnerungen: Hospitation in Tokyo 2016 bei meinem Lehrer Edward Obaidey

Der Weg ist das Ziel

Das ist typisch für die Japanischen Künste und Handwerksformen: Der Schüler und der Meister verbessern sich gleichermaßen immer weiter, wobei weiterentwickeln hier vielleicht das bessere Wort ist. So auch mein Lehrer Edward Obaidey und wiederum dessen Lehrer, Masakazu Ikeda. Beide entwickeln Sie ihre Behandlungsmethoden ständig weiter und probieren neue Techniken und Ansätze aus, wodurch sich die Wahrnehmungsfähigkeit und das Spektrum therapeutischer Möglichkeiten erweitert. Gemäß Masakazu Ikeda gelten jedoch immer die Grundlagen der Chinesischen Medizin, wie Sie in den klassischen Texten wie Nan Jing, Shang Han Lun usw. dargelegt sind. Somit sind diese „Experimente“ ein Erkunden der Prinzipien der Chinesischen Medizin. Als ich zuletzt 2016 bei meinem Mentor war (im Mai 2017 fahre ich wieder dorthin) zeigte er mir verschiedene Aspekte der Diagnose Chinesischer und Japanischer Medizin und wollte mich dahin bringen, daß ich nicht so sehr von der Pulsdiagnose abhängig bin. Der Anfänger der TCM und auch der Japanischen Medizin denkt oft, daß die Pulsdiagnose der Schlüssel zu allem ist. Allerdings sagte mir Edward Sensei beispielsweise, daß die Pulsdiagnose nur als Besätigung der restlichen diagnostischen Mittel dienen sollte. Auch der Meister der Chinesischen Medizin sieht den Patienten, sein Gesicht, er hört seine Stimme und stellt die eine oder andere Frage. Der sogenannte „Pulsmeister“ hat eine große Zahl an Informationen bereits gewonnen, bevor er mit der Pulsdiagnose überhaupt erst beginnt.

Also durfte ich also in der Klinik meines Lehrers wieder zahlreiche Bäuche tasten, die Leitbahnen der Patienten erfühlen und Fragen stellen. Ich durfte beobachten, wie Edward Sensei, sich im Vergleich zum letzten Jahr in seiner Praxis entwickelt hatte und bekam auch einige Techniken von Moxibustion genauer erklärt.

Was ist Chinesische Medizin, was ist TCM ?

Mein Lehrer macht sich gerne über die verschiedenen „Stile“ oder Schulen lustig, denn schließlich ist alle ostasiatische Medizin ein über die Jahrtausende gewachsenes Gebäude und basiert auf den klassischen Werken. Niemand kann also für sich beanspruchen, etwas „erfunden“ zu haben oder etwas ganz besonderes zu unterrichten. Vielmehr kann man alles, was man Lehren in diesem Bereich findet, auf die Klassiker zurückführen. Gerne wird in diesem Bereich der Chinesischen Medizin so wie in anderen Bereichen auch Geld mit „geheimen“ Lehren verdient. Die TCM ist im Grunde ein System, welches verschiedene und über Jahrhunderte entstandene Ansätze von Kräuterheilkunde und Akupunktur konsolidieren will. Die ursprüngliche Chinesische Medizin jedoch ist weiter gefaßt und beinhaltet implizit auch die Lehren der TCM, über die man irgendwann hinausgehen sollte. Wie oben beschrieben kann der Therapeut also vieles machen, wenn er weiß, was er tut. Das setzt ein tiefes Verständnis der Klassiker der Chinesischen Medizin voraus, welches mein Lehrer Edward Obaidey und dessen Lehrer Masakazu Ikeda sich durch intensives Studium erworben haben.

Warum Japan ?

Die Antwort ist einfach: Masakazu Ikeda und auch mein direkter Mentor Edward Sensei praktizieren die ursprüngliche Chinesische Medizin, wie man sie an der TCM Universität nicht findet. Japan war wie ein Konservator ursprünglicher, authentischer Chinesischer Medizin, während unter der kommunistischen Regierung Chinas die TCM entstand. Zudem legen gerade die Lehrer in Japan viel Wert auf das Studium der Chinesischen Klassiker. Erst kürzlich erschien Ikeda Senseis Übersetzung des Nan Jing, als Studium für jeden, der ernsthaft an Chinesischer Medizin interessiert ist und kein Altchinesische kann, sehr zu empfehlen.